Telemedizin: Soforthilfe über tausend Kilometer

This article is taken from echo-online (http://www.echo-online.de), November 2000

Fraunhofer-Team entwickelt Arbeitsstation für Ferndiagnosen


DREIDIMENSIONALE BILDDATEN können mit der transportablen, telemedizinischen Arbeitsstation übertragen werden. Professor Georgios Sakas vom Fraunhofer-Institut entwickelte mit einer Forschergruppe das kofferähnliche Gerät. (Fotos: Jürgen Schmidt)



Die Patientin ist im fünften Monat schwanger. In der Plazenta, direkt neben dem Fötus, entdeckt der Arzt beim Ultraschall eine Zyste. Der Fachmann – seine Praxis liegt in Uganda – ist ratlos.

Bis vor kurzem hätte er seiner Patientin nicht helfen können. Nun aber kann er dank einer telemedizinischen Arbeitsstation Daten über Tausende Kilometer zu einem Experten nach Coimbra in Portugal schicken, dreidimensionale Bilddaten betrachten, über Diagnose und Behandlungsmethoden online sprechen.

Ein Forscherteam des Darmstädter Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung hat die transportable Arbeitsstation mit dem Namen „TeleInViVo“ entwickelt und damit den europäischen Technologiepreis gewonnen.

Seit etwa einem Jahr steht die telemedizinische Station an zehn Standorten in mehreren Ländern: Uganda (Zentralafrika) Kasachstan, Holland, Frankreich, Portugal, auf den Kanarischen Inseln und den Azoren.

Der Prototyp befindet sich aber noch im Darmstädter Institut, damit Projektleiter, Professor Georgios Sakas, jederzeit damit demonstrieren kann, wie einfach die direkte Kommunikation mit dem Kollegen in der afrikanischen Stadt Kampala ist.

Flugs hat er seine Arbeitsstation eingeschaltet und von einem Versuchsprojekt – einem Kasper mit Hut und großer Nase (Foto rechts) – ein Ultraschallbild gemacht, dreidimensional aufgelöst und eine Problemzone markiert. Wenige Sekunden später hat ein Kollege auf dem Bildschirm nebenan, mit dem er online verbunden ist, den Kasperkopf auf dem Schirm.

Nun beschreibt Sakas sein Problem, und je nachdem, was er auf seinem Schirm macht – bei dem Kollegen passiert das Gleiche. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird das Problem sofort gelöst, oder der Fachmann bittet um Bedenkzeit und meldet sich später wieder zurück. „Der Kollege in Afrika bekommt also nicht nur eine Soforthilfe, sondern auch ein Training von dem Spezialisten, den er konsultiert“, weiß Georgios Sakas.

Rund 200 Konsultationen wurden pro Standort und Jahr aufgezeichnet, protokolliert und ausgewertet; 96 Prozent der Fälle konnten erfolgreich gelöst werden. Für jedes Land gibt es einen „Jour fixe“, also einen festen Tag und einen Stundenplan, an dem etwa die Mediziner von den Kanaren mit dem Expertenteam im portugiesischen Coimbra sprechen können. Notfälle werden natürlich gleich behandelt, in Krisengebieten hat sich „TeleInViVo“ bereits bewährt.

Was die Arbeitsstation so flexibel macht, sind auch deren Größe und Handhabung. Sie ist etwa so groß wie ein Pilotenkoffer, und um sie irgendwo auf der Welt installieren zu können, muss kein „Kabelsalat“ (Sakas) entwirrt, sondern nur der Stecker in die passende Dose gesteckt werden.

Die Mediziner, die bislang mit der Station arbeiten, wurden in Coimbra (dort sitzt das medizinische Team) geschult. Die Europäische Union hat das 1,5-Millionen-Mark-Projekt zur Hälfte finanziert.

In dem Aggregat stecken Ultraschallgerät, Computer, Display, Telekommunikationsmöglichkeiten, „Notstromteile“ (Sakas) und außerdem drei Trafos, da die Daten weltweit abgerufen werden sollen. Denn in Uganda, gibt der Professor zu bedenken, sei es nicht selbstverständlich, dass der Strom aus der Steckdose kommt.

Die ersten zehn Stationen kosteten rund 40 000 Mark, die Folgeprodukte könnten allerdings bis zu 75 Prozent günstiger sein. In Italien und Griechenland wird schon mit ähnlichen Geräten gearbeitet, das heißt, Spezialisten haben ein Netzwerk mit anderen Ärzten aufgebaut und scannen Ultraschall- oder Radiologiedaten über eine Distanz von vielen Kilometern.

„Dort wird auch dieses Gerät bald verstärkt eingesetzt“, äußert sich Sakas zuversichtlich. In Deutschland, erklärt er, sei die Struktur des Gesundheitswesens mit Abrechnungen und Punktesystemen organisiert.

„Da kann ein Kassenpatient kaum darauf bestehen, dass sein Fall mit Telekonsultation gelöst wird.“ Er wird sich deshalb wohl zunächst weiterhin mit seinen Röntgenbildern auf den langen Weg zum Experten begeben.

Die Zukunft aber, davon ist der Darmstädter Fachmann überzeugt, liegt in der Telemedizin, die langfristig kostengünstiger und besser verfügbar ist. „Und darauf wird auch das deutsche Gesundheitssystem irgendwann nicht mehr verzichten können.“